Mit seiner Heimatidee ist Sohnrey noch immer aktuell

Dr.Wolfgang Schäfer, Uslar, referiert beim Heimatverein Lüthorst über den Volkskundler, Sozialreformer und Schriftsteller aus dem Solling.

»Ein bisschen Grütze unter der Mütze ist zwar wohl nütze. Aber ein Herz unter der Weste, das ist das beste« dieser Satz stammt vom Volkskundler,
Sozialreformer und Schriftsteller Heinrich Sohnrey. Mit ihm und seinem Verhältnis zu Lüthorst hat sich der Heimatverein »Wilhelm Busch« bei seiner Jahreshauptversammlung beschäftigt. Referent dazu war der Leiter des Museums Uslar, Dr. Wolfgang Schäfer. Mit Musik von Wolfgang Beisert
auf einem zeittypischen Instrument, der Hümmelke,wurde der Abend umrahmt.

Der Leiter des Museums Uslar, Dr. Wolfgang Schäfer (rechts) stellte Leben undWirken Heinrich Sohnreys beim Heimatverein in Lüthorst vor;Wolfgang Beisert illustrierte den Vortrag akustisch mit plattdeutschen Lieder und der Hümmelke, einer Solling-typischen Tischzither.Lüthorst (ek).Heinrich Sohnrey wurde am19. Juni 1859 in Jühnde als uneheliches Kind von Rosine Luise Sohnrey und Freiherr Oskar Grote geboren. Der »kleine Graf«, wie er spöttisch genannt wurde, wuchs im Dorf auf, war ein aufgewecktes Kind, aber kein guter Schüler. 1873 besuchte er die Präparandenanstalt Ahlden zur Vorbereitung auf den Lehrerdienst, obwohl er lieber Förster geworden wäre. 20 Jahre unterrichtete er an der Dorfschule Nienhagen. Hier verfasste er seinen ersten Roman, »Hütte und Schloss«. Sohnrey, so der Referent, vertrat immer die Interessen der kleinen Leute, obwohl er im Leben auch Zugang zu vielen Schlössern bekommen habe. Er war ein Beobachter und zugleich aktiv imDorfleben dabei. Er gründete eine Bibliothek und den Männergesangverein. 1885 bis 1887 ging er aus Wissensdurst an die Universität Göttingen. Anschließend wurde er Lehrer in Möllensen bei Alfeld, danach Journalist in Northeim und Freiburg. Ab 1894 arbeitete er als Verleger in Berlin. Das seien, betonte Dr. Schäfer, 20 erfolgreiche Jahre gewesen, Sohnrey habe sich in vielen Bereichen betätigt. Er wurde Berater der kaiserlichen Regierung, verfasste Romane und Theaterstücke. Mit seiner Familie mit acht Kindern lebte er in Steglitz. Sohnrey verfügte über großes volkskundliches Wissen, war Herausgeber verschiedener Zeitschriften, und ein gewisser Wohlstand stellte sich ein. Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er in Berlin ausgebombt. Dabei gingen zahlreiche Manuskripte verloren. Verarmt fand er Zuflucht in Neuhaus, wo er 1948 verstarb.

Heinrich Sohnrey wusste als Reformpolitiker, dass die Sollingdörfer nie auf Rosen gebettet waren, anders als die Leinetal-Orte, die vergleichsweise im Wohlstand lebten. Gegenseitige Hilfe war im Solling selbstverständlich. Ein wichtiges Thema für ihn war die Landflucht der Tagelöhner und Knechte, die er bremsen wollte. Er schuf zudem ein Heimatpflegekonzept, zeigte Interesse an der breiten Volkskultur, sammelte, sichtete, zeichnete auf, lauschte im Dorfkrug und in den Spinnstuben, was man sich erzählte. Sein Buch »Die Sollinger« gibt etwas davon wieder. Seine Helden waren Waldarbeiter, Köhler oder Wilderer. Er war oft in denWäldern unterwegs, legte sich auch mit der zeitgenössischen Forstpolitik an, die nur auf Gewinn aus war. Die Reform mit Auflösung der Waldgerechtsamen kritisierte er, wusste, dass der Wald das Hemd der Armen Leute war. Zugleich zeichnete ihn ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein aus. 1901 war er einer der Gründerväter der Wandervogel-Bewegung, die einfachen Lebensstil im Einklang mit der Natur befürwortete. »Er war ein konservativer Reformpolitiker, ein Widerspruch in sich«, führte Dr. Schäfer aus. Inspiriert wurde er bei seinen Reformideen beispielsweise von den Arbeitern der Spiegelhütte in Amelith mit dem Ziel, die Lebensverhältnisse der Landarbeiter zu verbessern – bei aktiver Teilhabe am Reformprozess. Dabei war er auch medienwirksam tätig. In den 1920er Jahren wurde er Ehrenbauer von Fredelsloh, nachdem er an der Auflösung der Domäne zu Gunsten der Kleinbauern mitgewirkt hatte.

Bei Sohnrey sei eine gewisse Stadtfeindlichkeit zu spüren, die Großstadt sei ihm fremd geblieben,  machte Dr. Schäfer deutlich. Er habe soziales Unrecht angeprangert und Traditionen gegen moderne Strömungen verteidigt. Dabei sah er aber auch, dass das Dorf keine heileWelt war. Der Politiker Sohnrey legte ein pragmatisches Verhalten an den Tag.Wichtig sei ihm gewesen, konkret etwas zu verändern. So arbeitete er während der Kaiserzeit eng mit der staatlichen Bürokratie zusammen. Er habe auch SPD-Ziele wie Verbesserung der Wohnverhältnisse und Streikrecht übernommen. Von der Gründung derWeimarer Republik sei er in einer persönlich schwierigen Phase überrascht worden. Während der NS-Zeit setzte er zunächst große Hoffnungen auf das System, dessen prominente Gallionsfigur er sein sollte. Später hatte er dagegen Spott und Hohn für die Nazis übrig, und er setzte sich für verfolgte Freunde ein. Sohnrey habe ein gewaltigesWerk hinterlassen, stellte der Vortragende fest. Sein ganzes Leben habe er vermutlich um Anerkennung von Seiten der Familie des Vaters gekämpft. Die habe er schließlich erhalten – allerdings erst nach seinem Tod. 1949 fand er in seinem Heimatdorf Jühnde die letzte Ruhestätte.

»Hat uns Sohnrey heute noch etwas zu sagen?«, so Dr. Schäfer weiter. Man müsse das Werk natürlich entstauben, aber sein zentrales Thema, die Verwurzelung des Menschen, sei nach wie vor aktuell. Wenn man das Gebiet, das man kenne, als Heimat erkunde, begreife und gestalte, sei das nicht zuletzt ein wichtiger Beitrag gegen den demografischen Wandel, denn dort, wo man fest verwurzelt sei, nehme man nicht so schnell Abschied wie von einem zufälligen Wohnort. Dies zu fördern, sei auch heute die Aufgabe der Heimatvereine. Sohnrey plädierte zudem für eine eigenständige lokale Kulturarbeit, er schaute auf den Alltag der kleinen Leute. Leider seien Kulturtechniken wie singen, musizieren und erzählen mehr und mehr verloren gegangen. Umso wichtiger sei es, das ländliche Bildungswesen zu stärken und vergessene Lieder oder Stücke einzustudieren. »Verabschieden Sie sich einmal im Monat vom Fernsehen und erkunden Sie Dorf, Wald und Feldmark vor IhrerHaustür«, riet er den Zuhörern. Die Hümmelke, gedacht zur Begleitung von Tanzmelodien, erklang erstmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Solling, auch Sohnrey wird sie gekannt haben. Wolfgang Beisert aus Göttingen brachte den Lüthorster Heimatfreunden das Instrument mit einigen plattdeutschen Liedern näher. Mit ihrem brummenden Unterton erinnert die Hümmelke an die Hummel, die ihr den Namen gab. Die einfache Tischzither wurde von Adolf Hilke aus Moringen nach Ende des Krieges 1870/1871 aus Frankreich in den Solling mitgebracht. Das Instrument sei klein und verhältnismäßig einfach nachzubauen, so Beisert. Er habe es vor zwei Jahren anlässlich des 150. Geburtstags von Heinrich Sohnrey kennengelernt, berichtete er. Leider sei die Zither weitgehend in Vergessenheit geraten. Es wäre schön, wenn sie, vielseitig, wie sie sei, wieder mehr in den Blickpunkt rücken könnte, beispielsweise bei solchen Abenden. Dass die Besucher die Lieder teilweise mitsingen konnten, bereitete besondere Freude.

Nachricht eingestellt am 29.04.2011 durch Patricia Fingerhut.