Lüthorst im Fernsehen

Ein Portrait des volksnahesten aller deutschen Dichter beendet die Fernsehreihe Deutsche Lebensläufe. Wilhelm Buschs Nähe zum Volks freilich bedeutete, dass er seinen Zeitgenossen so boshaft wie schonungslos den Spiegel vorhielt. Das Fernsehteam hat auch in Lüthorst Aufnahmen gemacht. Diese werden am 8. Februar 2007 um 23:00 Uhr auf SWR und am 11. Februar 2007 um 23:30 Uhr auf RBB gezeigt.

Kaum ein Kind, das nicht mit den Streichen von Max und Moritz und ihrem grausamen Ende aufgewachsen ist. Kaum ein deutscher Bücherschrank, in dem nicht seine Gesammelten Werke stehen. Und kaum eine Festtagsrede, die sich nicht wenigstens eines Zitats bedienen würde - aus jenen humoristisch-moralisierenden Bildergeschichten wie "Hans Huckebein", "Junggeselle Knopp" oder "Die fromme Helene". Nach Luther und vielleicht noch vor Goethe hat kein anderer so tief das Bewusstsein der Deutschen geprägt wie Wilhelm Busch.

"Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr", "Wer Sorgen hat, hat auch Likör" oder "Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, was man lässt" - solche "vom Leben geglühten, mit Fleiß gehämmerten" Busch-Sätze sind längst in den Sprichwortschatz der deutschen Sprache eingegangen, ohne dass der Verfasser noch erinnert würde. "Wie wollte man den deutschen Humor definieren, wenn es Wilhelm Busch nicht gegeben hätte?", fragt Tomi Ungerer, und Albert Einstein hat geurteilt: "Außer vielleicht Lichtenberg hat es keinen Ebenbürtigen in deutscher Sprache gegeben".

Wilhelm Busch ist ein wirklicher Klassiker geworden, und das ausgerechnet als komischer Autor und Zeichner. Und mit Komik ist nicht ein feinsinniger schwarzer Humor oder ähnliches gemeint, sondern eine ganz und gar bedenken- und geschmacklose, kaltblütige, ohne Mitgefühl und Hintersinn auf den Bauch als das Zentrum der Lachlust zielende Komik, die "alles niedermacht, was den Zeitgenossen heilig war: die Ehe, die Kirche, den Sinn des Lebens, die Erziehung, den gepflegten Suff und die holde Kunst" (Robert Gernhardt).

Dabei hat sich Busch, das älteste von sieben Kindern aus Wiedensahl in der Nähe von Hannover, lebenslang eher als Versager gesehen denn als ein Erfolgsmodell. Als Maler war er gescheitert, Junggeselle ist er geblieben, und statt in einer pompösen Künstlervilla, wie seine Malerfreunde in München, lebte und starb er in einem kleinen, spartanisch eingerichteten Zimmer in der hintersten niedersächsischen Provinz. Der volksnaheste aller Schriftsteller war ein Mensch, der doch immer nur versucht hat, sich vom Volk abzusondern, sich in seiner Autobiografie "Von mir über mich" sogar als Sonderling bezeichnet hat.

Vermeidung von Enttäuschungen, so kann man seine Lebensstrategie zusammenfassen. Dennoch: Wie hat Wilhelm Busch das nur geschafft: kleinlich-verlogenes Verhalten, klerikale Bigotterie, unmenschliche Erziehungsgrundsätze so boshaft und schonungslos wie kein anderer seiner Zeitgenossen darzustellen? Und sich dabei doch nicht seine Lesergemeinde, der er gerade den Spiegel vorhält, zum Feind zu machen? Über 140 Jahre lang gelingt es ihm schon, komisch zu bleiben, und das "mit einer furchteinflössenden Perfektion" (F.W.Bernstein).

Auch auf zeichnerischem Gebiet ist Busch ein Revolutionär. Er hat das, was man heute Comic nennt, recht eigentlich erfunden. Wie er Bild und Text verbunden hat, ist bis heute vorbildlich und unübertroffen.

Zugleich hat Buschs Werk auch eine tiefe philosophisch-moralische Dimension. Schopenhauer hat er leidenschaftlich gelesen und geliebt, und dessen Philosophie vom "Willen zum Leben", der alles und jeden erfüllt, bis zum kleinsten Atom (die berühmte "Tücke des Objekts"), ist aus fast jeder seiner Geschichten herauszulesen. Und: sein Werk ist ein Spiegel des 19. Jahrhunderts "en miniature" (Gert Ueding): zum Beispiel beim Thema Erziehung (als Dressur), beim bürgerlichen Selbstbewusstsein in der Bismarckschen Reichsordnung, oder beim Künstler als gescheitertem Gegenmodell.

Gesprächspartner sind: Zeichner und Dichter der Neuen Frankfurter Schule, die Direktoren des Wilhelm Busch-Museums Hannover, Gert Ueding, Rhetorik-Professor aus Tübingen, der Kunstprofessor und Generalist Bazon Brock, Tomi Ungerer und Rolf Hochhuth, der Herausgeber der erfolgreichsten Busch-Gesamtausgabe.

Ein Film von Harold Woetzel

Nachricht eingestellt am 04.02.2007 durch Henk Schulting.